Absurdistan: Song meines Lebens

Shabba Ranks - "Mister Loverman"

Schabba.
Bierglasige Augen blicken in den leeren Plastikbecher. Die dazugehörigen Augen pfeffern ihn über die linke Schulter. Der Hintermann tritt drauf. Es knackt. Der Becher birst. Kaputt. Schnapsdrosselige Schalala-Chöre dröhnen vielstimmig. Der Duft gebrannter Mandeln wird zersägt von Autoscooterhupen und geerdet von Erbrochenem, das neben der Pizzabude liegt. Es nieselt. Feuchte Fröhlichkeit liegt über dem "Oktoberfest Ostfrieslands", dem Leeraner Gallimarkt. Losbudenbesitzer, die seit Jahrzehnten dieselben Sprüche in variierter Reihenfolge leiern. Zuckerwattefäden, die sich in langen Locken verheddern. Korn, Bier, Schnaps und (Glüh)Wein. Heulende Karrussells, klappernde Blechdosen, die von kleinen Lederbällen nur halb getroffen werden. Vor Rührung glänzen feuchte Augen, nachdem er ihr eine Plastikblume geschossen hat. Pink. Im dritten Schuss.

Schabba.
Es mag 1992 sein. Womöglich in der sechsten Klasse, Orientierungsstufe. Man weiß es nicht mehr genau. Jahrelang habe ich mir eine Menge Coolness-Punkte durch die Lappen sickern lassen, indem ich nicht das Taschengeld der vorigen zwei Monate in Karussells auf den Kopf gehauen habe. Immer wieder zwirbelten sich die Augenbrauen schräg und kräuselten sich die Stirne in Falten, wenn ich erklärte, es sei nicht aus Angst sondern einfach nur Schutz für mich und alle Anderen. Weder ich noch andere hätten doch was davon, wenn ich sie vollkotzte. Mein Magen hat abrupte Richtungswechsel bislang noch allzuoft mit galleblubbernder Unzufriedenheit quittiert. Kindergelächter.

Schabba.
Auch ich habe meinen Stolz. Vielleicht habe ich mir alle Richtungswechselübelkeit ja doch nur eingeredet. Ralf B. zumindest ist der festen Überzeugung. Seine Eltern züchten zwar Brieftauben und klagen gegen Privatbordelle, aber vielleicht hat er ja recht. Doch wo rein? "Lass uns in die Schiffschaukel gehen. Die ist am harmlosesten." "Ach..." "Ja. Da dreht sich auch nix." Das Argument hat Gewicht. Ralf auch, aber das tut wenig zur Sache. Von Pioniergeist beflügelt lasse ich mir einen Plastikjeton auf den Blechtresen schnippen, reiche ihn mit stolzer Brust dem Plastikjetoneinsammler wenige Meter später und nehme in einer der hintersten Bänke Platz.

Schabba.
Ralf quetscht sich neben mich. Die Schiffschaukel schiebt sich langsam vor und zurück. Und aus den Boxen schallt "Shaggy - Mister Loverman". Mit jedem Schwung wird das Schaukeln mächtiger. Umso mehr, als wir "far out", kurz vor dem Bug der Schaukel klemmen. "Mister Lovermäään", kräht die Trulla auf der Aufnahme. Shaggy sagt: "Schabba." Wir erreichen immer neue Höhen. Eine ganze Schmetterlingsplage wütet in meinen Eingeweiden. Alles kribbelt, krabbelt, kitzelt und wuselt. Höher, höher, schneller, weiter, mehr. "Mister Lovermäääään." "Schabba." Mir steigt Schweiß vor die Stirn. Alle Gesichtsfarbe zerrinnt in Richtung Magen. Die stolze, glänzende Fassade zersplittert mit sämtlicher Selbstüberzeugung im kalten Leeraner Abendhimmel. "Mister Lovermäääään." "Schabba." Vorwärtsabwärtssausen. Rückwärtsaufwärtssausen. "Schabba." Der Magen beginnt zu brodeln. Die vorher wonnevoll verschlungene Nahrung sucht nach dem Notausgang und klettert aufwärts. Vorwärtsabwärtssausen. Rückwärtsaufwärtssausen. "Mitster Lovermääään." "Schabba." Fluchtgedanken klingeln nun auch in meinem Kopf Sturm. Bloß raus hier. Bitte. Schnell. Und schaltet das verfluchte Lied ab.

Schabba.
Endlich beruhigen sich die Luftschiffwogen. Mit letzer Kraft ringe ich um Kontrolle, um Fassung. Stürze aus der Schaukel, schubse Passanten zur Seite, renne schneller, immer schneller, bloß herunter vom Marktgelände. Dann, direkt vor dem holländischen Blumenladen am Marktrand ist alles verloren. Mit aller Kraft durchbricht die Galle den Staudamm, alles Entsetzen hilft nicht. Ich übergebe mich mit bitterm Schwall mitten auf Begonien, Glyzinien, Rosen, Tulpen, oder was sonst in Sträußen gebündelt dort gestanden haben mag. Wie vom Deichschaf gebissen, schreit der holländische Händler auf, sein Gesicht läuft dunkel an. Ich stammele "Tut mir Leid! Wollt ich nicht!" "Dasch wirscht Du bezahl, mien Jong!", schmettert mir sein Bass entgegen. Schiss übermannt mich. Und renne ich weg. Wendiger und flinker, schlage ich Haken zwischen schlendernden Pärchen hindurch, an der Losbude vorbei, an der Pizzabude, neben der auch immer noch die andere Stückchenpfütze schwabbert. Er rennt hinter mir her. Schreit wütend. "Aufhalten! Aufhalten!" Mit letzter Kraft gelingt es mir, außerhalb seiner Sichtweite zu sprinten. Der Puls rast, der Magen rebelliert immer noch. Leise Schuldgefühle und anhaltende Übelkeit ringen griechisch-römisch in meinem Inneren. Ich hyperventiliere. Er hat aufgegeben. Ich bin in Sicherheit. Dankenswerterweise hat Ralf geschwiegen. Noch heute klettern seltsame Erinnerungen aus meinem Gedächtniskeller hinauf, wenn ich an holländischen Blumenlastwagen vorbeigehe. Noch heute wird mir körperlich übel, wenn ich "Mister Loverman" höre. Schabba.

Song meines Lebens von Ole
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