Donnerstag, 19. Juni 2008

Eine alte, ungültige Handynummer

Achtzehnjährige Mädchen geraten manchmal noch ins jugendliche Schwärmen. Wenn man dann selbst das Objekt der Begierde ist, nimmt man diese Schwärmerei gerne in Kauf.

Sie stand gerade kurz vor ihrem Abi und arbeitete in demselben Marktforschungsinstitut, in dem ich auch kurz zuvor anfing. Ich fand sie sofort unglaublich hübsch, dunkle, lange Haare, ebenso dunkle Augen, einen wunderbaren Körper, italienisches Blut in ihren Adern, sowie ein bezauberndes, entwaffnendes Lächeln. Dass sie für mich schwärmte wusste ich direkt von Dritten, aber es war auch unübersehbar, ihr ständiges "Anbucken", Kopf auf meine Schulter legen und "kindlich-naive" Fragen waren eindeutige Indizien. Zu diesem Zeitpunkt war ich sechsundzwanzig und der Altersunterschied von sieben Jahren war zwischen uns recht deutlich spürbar, dass mir ein ehrliches und aufrichtiges Interesse an ihr fehlte.

Nach ihrem Abitur verließ sie Bielefeld und zog nach Köln, um in Bonn ihr Jurastudium zu beginnen. Gelegentlich, aber sehr selten traf ich sie zufällig, wenn sie in Bielefeld war. Ich konnte deutlich spüren, wie sie reifer und erwachsener wurde und mein Interesse an ihr zunehmend wuchs. Eines Abends in der Altstadt gab sie mir ihre Handynummer um uns später zu verabreden. Leider platzte diese kurzfristig, da ihre Mutter überraschend ins Krankenhaus eingeliefert wurde (was auch stimmte und keine Ausrede war). Selten, aber ab und zu liefen wir uns in Bielefeld und auch in der Uni über den Weg, aber es kam nie zu einer zweiten Verabredung. Ich konnte spüren, wie ihre Schwärmerei von damals nachgelassen hatte. Zuletzt lief ich ihr Weihnachten vor zwei Jahren in Bielefeld über den Weg und über ein kurzes "Hallo, wie geht's Dir?", "schön dich zu sehen" und "ist deine Handynummer noch aktuell?" ging die Konversation nicht hinaus. Seither hatte ich nichts mehr von ihr gehört. Was seitdem blieb, sind ein paar Erinnerungen und eine alte, mittlerweile ungültige Handynummer von ihr, die ich aus unerklärlichen Gründen bis heute noch nicht gelöscht habe. In Zeiten von Social-Networking sollte es ein Einfaches sein, sie ausfindig zu machen. Doch weder auf facebook.com, studivz.net oder xing.com war sie registriert.

Ab und zu werden Erinnerungen an sie in mir wach und da ich gestern Nacht schlecht einschlafen konnte, holte ich mir mein Laptop ins Bett und begann zu "suchen". Voila, ihr eingeschränktes Profil mit Foto und dem gleichen Lächeln von damals fand ich auf Facebook, "New York, NY" als Location angegeben. Das weckte meine Neugier und ich begann zu googlen. Aus dem Mädchen von einst ist eine erfolgreiche Juristin mit Doktor-Titel geworden, die in einer renommierten Anwaltskanzlei in der New Yorker Wall Street arbeitet, eine Businessfrau, die meinen Traum lebt.

Obwohl ich jetzt die Möglichkeit hätte, sie zu kontaktieren, schwindet mein Mut und habe ein bisschen 'Angst' mit banalen Belanglosigkeiten wie "habe dein Profil gelesen, wie geht's Dir?" den Kontakt wieder herzustellen.

Meine kleine MM von damals.

Mittwoch, 18. Juni 2008

Hooka Hey

Es muss irgendwann Ende der Neunziger gewesen sein, genau kann ich mich nicht mehr an das Jahr erinnern. Aufgrund der Tatsache, dass keine WM oder EM lief, schätze ich '97. Es war die Zeit im Juni, die Klausurenphase stand unmittelbar bevor und die Vorlesungen wurden nur noch besucht, in der Hoffnung, dass die Professoren Tipps oder Eingrenzungen für die anstehenden Prüfungen durchlauten ließen.

Die Sonne lachte und schien warm, der wolkenlose Himmel lud zu einem Ausflug in den nahegelegenen Oetkerpark. Da ich zwischen zwei Vorlesungen reichlich Zeit hatte, machte ich mich mit Tasche und Buch auf.

Es war früher Mittag und trotz des herrlichen Wetters und warmen Temperaturen war der Park wenig besucht. Eine Handvoll anderer Studenten lagen auf Decken im Gras und eine ältere Frau fütterte mir ihrem kleinen Enkel die Enten am Teich, ein paar Menschen spazierten durch die Blütenpracht, unter anderem auch eine Frau aus meiner Straße, die ich bloß vom Sehen und Grüßen kannte. Auf einer leeren Bank mit Blick in die Sonne machte ich es mir bequem, holte mein Buch aus der Tasche, blätterte zur Stelle, an der ich zuletzt aufgehört hatte und nahm den Inhalt wieder auf.

"Ist hier noch frei?" fragte mich ein älterer Herr, den ich zuvor gar nicht wahrgenommen hatte. Ich schaute auf und sah in ein Gesicht, das schätzungsweise Mitte Achtzig war. Der Mann hatte schlohweißes, aber noch volles Haar und seine Augenbrauen waren buschig, unter denen freundliche und warme Augen hervorlugten, gepaart mit einem sympathischen Lächeln. "Aber gerne" antwortete ich und der Mann nahm auf der Bank Platz. "Ich sehe, Sie sind so in das Buch vertieft, darf ich fragen, was Sie da lesen?". Ich zeigte ihm das Buchcover und sagte ihm den Titel "Unterwegs von Jack Kerouac". "Oh, das Buch kenne ich gut" entgegnete mir der freundliche, ältere Herr und seine Augen blitzten ein wenig auf, "ein Buch meiner Generation, wie gefällt es Ihnen?"

So kamen wir ins Gespräch und ich erfuhr, dass er früher Lehrer an einem Gymnasium war, an dem er Deutsch und Geschichte unterrichtete, doch er war seit über zwanzig Jahre pensioniert. Neben diesen Fächern hatte er auch noch Literatur studiert. Seit seine Frau, mit der er über 50 Jahre glücklich verheiratet war, nach längerer Krankheit im letzten Sommer verstarb, fühlte er sich ziemlich einsam. Seine einzige Tochter lebt mit ihrem Mann seit vielen Jahren in Neuseeland, die ihn jedes Jahr Weihnachten einladen. Um sich ein wenig abzulenken und auf andere Gedanken zu kommen, spaziert er jeden Mittag, nach dem Essen, durch den Oetkerpark.

Das Gespräch war interessant und die Zeit verging wie im Flug, dass ich fast meine Vorlesung verpasst hätte. Ich schaute auf meine Uhr, verabschiedete mich, um noch eine Runde um den Park zu gehen, bevor ich zur Uni zurückkehrte. Auf der anderen Seite des Parks schaute ich zurück zur Bank uns sah den alten Mann, umgeben von zwei Frauen, eine davon meine Nachbarin, die irgendwie komisch mit den Armen ruderten.

Eine Woche später traf ich meine Nachbarin erneut in unserer Straße. "Können Sie sich noch an den älteren Herren im Park erinnern" fragte sie mich. Ich bejahte und sie fuhr fort. "Kurze Zeit nach dem sie weggingen, ist der Mann verstorben, einfach so entschlafen und von uns gegangen". Nun konnte ich mir auch erklären, weshalb die beiden Frauen damals in seiner Gegenwart mit den Armen fuchtelten. Obwohl ich den alten Mann nur einen kurzen Augenblick kennenlernen durfte, ging mir sein Tod doch nahe. Dennoch war ich auch ein wenig erleichtert, hatte er meines Erachtens doch einen ruhigen und angenehmen Tod, sanft in der Sommersonne von uns zu scheiden. Ein schöner Tag zum Sterben - Hooka Hey.

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