Hooka Hey

Es muss irgendwann Ende der Neunziger gewesen sein, genau kann ich mich nicht mehr an das Jahr erinnern. Aufgrund der Tatsache, dass keine WM oder EM lief, schätze ich '97. Es war die Zeit im Juni, die Klausurenphase stand unmittelbar bevor und die Vorlesungen wurden nur noch besucht, in der Hoffnung, dass die Professoren Tipps oder Eingrenzungen für die anstehenden Prüfungen durchlauten ließen.

Die Sonne lachte und schien warm, der wolkenlose Himmel lud zu einem Ausflug in den nahegelegenen Oetkerpark. Da ich zwischen zwei Vorlesungen reichlich Zeit hatte, machte ich mich mit Tasche und Buch auf.

Es war früher Mittag und trotz des herrlichen Wetters und warmen Temperaturen war der Park wenig besucht. Eine Handvoll anderer Studenten lagen auf Decken im Gras und eine ältere Frau fütterte mir ihrem kleinen Enkel die Enten am Teich, ein paar Menschen spazierten durch die Blütenpracht, unter anderem auch eine Frau aus meiner Straße, die ich bloß vom Sehen und Grüßen kannte. Auf einer leeren Bank mit Blick in die Sonne machte ich es mir bequem, holte mein Buch aus der Tasche, blätterte zur Stelle, an der ich zuletzt aufgehört hatte und nahm den Inhalt wieder auf.

"Ist hier noch frei?" fragte mich ein älterer Herr, den ich zuvor gar nicht wahrgenommen hatte. Ich schaute auf und sah in ein Gesicht, das schätzungsweise Mitte Achtzig war. Der Mann hatte schlohweißes, aber noch volles Haar und seine Augenbrauen waren buschig, unter denen freundliche und warme Augen hervorlugten, gepaart mit einem sympathischen Lächeln. "Aber gerne" antwortete ich und der Mann nahm auf der Bank Platz. "Ich sehe, Sie sind so in das Buch vertieft, darf ich fragen, was Sie da lesen?". Ich zeigte ihm das Buchcover und sagte ihm den Titel "Unterwegs von Jack Kerouac". "Oh, das Buch kenne ich gut" entgegnete mir der freundliche, ältere Herr und seine Augen blitzten ein wenig auf, "ein Buch meiner Generation, wie gefällt es Ihnen?"

So kamen wir ins Gespräch und ich erfuhr, dass er früher Lehrer an einem Gymnasium war, an dem er Deutsch und Geschichte unterrichtete, doch er war seit über zwanzig Jahre pensioniert. Neben diesen Fächern hatte er auch noch Literatur studiert. Seit seine Frau, mit der er über 50 Jahre glücklich verheiratet war, nach längerer Krankheit im letzten Sommer verstarb, fühlte er sich ziemlich einsam. Seine einzige Tochter lebt mit ihrem Mann seit vielen Jahren in Neuseeland, die ihn jedes Jahr Weihnachten einladen. Um sich ein wenig abzulenken und auf andere Gedanken zu kommen, spaziert er jeden Mittag, nach dem Essen, durch den Oetkerpark.

Das Gespräch war interessant und die Zeit verging wie im Flug, dass ich fast meine Vorlesung verpasst hätte. Ich schaute auf meine Uhr, verabschiedete mich, um noch eine Runde um den Park zu gehen, bevor ich zur Uni zurückkehrte. Auf der anderen Seite des Parks schaute ich zurück zur Bank uns sah den alten Mann, umgeben von zwei Frauen, eine davon meine Nachbarin, die irgendwie komisch mit den Armen ruderten.

Eine Woche später traf ich meine Nachbarin erneut in unserer Straße. "Können Sie sich noch an den älteren Herren im Park erinnern" fragte sie mich. Ich bejahte und sie fuhr fort. "Kurze Zeit nach dem sie weggingen, ist der Mann verstorben, einfach so entschlafen und von uns gegangen". Nun konnte ich mir auch erklären, weshalb die beiden Frauen damals in seiner Gegenwart mit den Armen fuchtelten. Obwohl ich den alten Mann nur einen kurzen Augenblick kennenlernen durfte, ging mir sein Tod doch nahe. Dennoch war ich auch ein wenig erleichtert, hatte er meines Erachtens doch einen ruhigen und angenehmen Tod, sanft in der Sommersonne von uns zu scheiden. Ein schöner Tag zum Sterben - Hooka Hey.
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Lenny_und_Karl (Gast) - 18. Jun, 10:29

Passiert ja nicht oft. Aber ich hatte eine Gänsehaut. Sehr schöne Geschichte. Ich finde sowieso, man sollte viel mehr mit den alten Leuten reden. Ist oft spanndend und sie sind komischer und toleranter als es scheint.

pringle - 18. Jun, 14:32

eine schöne geschichte, die nachdenklich stimmt über die so genannten zufälle im leben.

timanfaya - 18. Jun, 17:01

ich denke auch oft, das jeder das recht haben sollte,
an so einem schönen tag zu sterben ...

7an - 27. Jun, 00:06

scheiße. was ne krasse geschichte.

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Zuletzt am: 22. Aug, 20:23
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